Brief von Mary Wurm an Frau Sepp, 9. Januar 1938
Sehr geehrte Frau Sepp,
was Sie mir zum Schluss Ihrer
Postkarte mitteilen ist aber furchtbar traurig.
Wie ist Das nur gekommen? Ich
will Ihnen sagen dass mir immer auffiel
dass die Kleine nie einen Ton von sich
gab. Konnte sie nicht sprechen? Wie
alt war sie denn?
Wer war der Arzt? Dr. Rupfle?
Gilt dieser als der beste Arzt in
L? - Ich bin seit Oktober sehr
wenig wohl gewesen. Asthma etc. wegen
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der furchtbar rauhen Witterung hier.
Ich will aber hier weg. Könnten Sie für uns
fragen bei Gogl und Peter was man
mir verlangen würd für 4 Wochen Pension?
Ich muss irgend wo sein wo ich im geheizten
Zimmer bleiben könnte - & das warme
Wetter abwarten bis ich mir leere Zimmer
nehmen könnte.
Bitte schreiben Sie mir nähers -
auch wo ev. ein möblirtes Zimmer mit
Frühstück zu haben wäre, & Kostenpunkt.
Im Rathaus wird es das Fräulein wissen. -
Dann: Wie heisst die Frau mit den
Dosen & d. Gemüse - & ihre genaue Adresse.
[darunter in Bleistift und anderer Handschrift: Josepha Schindler, Gärtner]
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Und wie heisst der Photograph? [In Bleistift und anderer Handschrift: Hirschbeck]
Ich kann mir denken dass die
junge Mutter ihr Kind sehr vermisst, &
der Vater, auch die Grosseltern!
Nun schreiben Sie mir bitte auch über das
Kind, & schicken Sie mir die Zeitung
wo es drinsteht -
sicher näheres.
Ich grüsse Sie alle, & hoffe Sie
werden diesen Schmerz überwinden im
drandenken dass das Kind es besser
hat dort wo es ist, als in dieser
wenig schönen Welt!
Mary Wurm